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Lehrgeld bezahlt

Dr. Werner Mölders hat Begebenheiten aus seinen Sprechstunden festgehalten. Selbstverständlich hat er zum Schutz der Klienten identifizierbare und personenbezogene Merkmale weggelassen oder verändert. Davon bleiben der Kern und die Authentizität der Geschichten aber unberührt!

 

Bei der zweiten Hospitation war ich schon eine Viertelstunde vor Beginn der Sprechstunde anwesend. Der diensthabende Kollege war noch nicht da. Schwester K war gerade dabei, den Laptop hoch zu fahren. Da klopfte es ganz energisch. Ein ca. 30-jähriger, mäßig gepflegter Mann drängte in den Raum und ließ sich auch von dem Hinweis, dass die Sprechstunde noch nicht begonnen habe, nicht abweisen. „Ich möchte nicht in die Sprechstunde, ich hab‘ kein gesundheitliches Problem, aber ein sehr großes anderes“: „Ich wohne hier in dieser Straße, Nummer 42, dritter Stock. Mir ist gerade der Schlüssel von der Wohnungstür abgebrochen, ich habe schon einen Schlüsseldienst angerufen, aber der will 80 € haben und die habe ich nicht. Ein Freund von einem Bekannten würde die Tür für 40 € öffnen, aber er will 20 € sehen, bevor er den Bohrer ansetzt. So viel Geld habe ich, aber das ist halt in der Wohnung. Können Sie mir vielleicht 20 € leihen. Ich bring ihnen das Geld in ca. einer Stunde zurück, zur Sicherheit kann ich auch meinen Ausweis hierlassen“. Das alles klang für mich plausibel. Ich habe mein Portemonnaie gezückt und ihm 20 € ausgehändigt. Auf die Hinterlegung des Ausweises habe ich verzichtet. Bis zum Ende der Sprechstunde hatte er sich noch nicht gemeldet. Schwester K und ich haben die angegebene Hausnummer aufgesucht. Dort gibt es einen dritten Stock, aber keine Klingel mit dem angegebenen Namen.


Ich habe ihn und mein Geld nicht wiedergesehen. Einzig tröstlich war, dass Schwester K ihm zwar kein Geld gegeben hätte, seine schauspielerische Leistung aber sehr überzeugend fand.


So habe ich Eintritt bezahlt für den Zugang zur Welt der Obdachlosen.

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