Herr F
Dr. Werner Mölders hat Begebenheiten aus seinen Sprechstunden festgehalten. Selbstverständlich hat er zum Schutz der Klienten identifizierbare und personenbezogene Merkmale weggelassen oder verändert. Davon bleiben der Kern und die Authentizität der Geschichten aber unberührt!
Januar 2023, Außentemperatur plus 2 °C. Die Sprechstunde war beendet. Das Computer-Programm für die Dokumentation bereits heruntergefahren, da klopfte es heftig an der Tür. Eintrat Herr F, ca. 55 Jahre alt, äußerlich mäßig vernachlässigt. Er begann mit einer Entschuldigung: „Ich weiß, dass ich zu spät bin, aber ich habe erst gerade gelesen, dass Sie noch Grippe- Impfungen machen. Geht das heute noch?“
„Na klar machen wir das! Die Spritze wird in den Oberarm gegeben. Den müssen Sie schon freimachen“, war meine Reaktion. Es stellte sich heraus, dass Herr F. achtlagig angezogen war: Eine gefütterte wetterfeste Jacke, eine Strickjacke, eine Fleezejacke, ein Pullover, ein Polohemd, ein Pullunder, ein Flanell- und ein Unterhemd.
Das Flanellhemd konnte er anbehalten, weil wir den Ärmel soweit aufkrempeln konnten, dass der Zielmuskel im Oberarm frei war. Die Impfung verlief problemlos. Während Herr F. sich wieder anzog, habe ich handschriftlich dokumentiert. Er war schon bei der Strickjacke angelangt, als er nicht ohne eine gewisse Verlegenheit fragte, ob die Krankenschwester und ich noch etwas Zeit hätten. Er habe beim Anziehen die bewährte Reihenfolge nicht eingehalten und müsse deshalb noch mal “bis zum Flanellhemd zurück“. Die Situation war zu komisch, als dass wir nicht in Ruhe das dann schließlich erfolgreiche Anziehen beobachtet und abgewartet hätten.
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