• Link zur Seite versenden
  • Ansicht zum Drucken öffnen
 

Herrn D in einer absolut desolaten Verfassung

Dr. Werner Mölders hat Begebenheiten aus seinen Sprechstunden festgehalten. Selbstverständlich hat er zum Schutz der Klienten identifizierbare und personenbezogene Merkmale weggelassen oder verändert. Davon bleiben der Kern und die Authentizität der Geschichten aber unberührt!

 

Anfang 2022, die gut besuchte Sprechstunde war zu Ende. Ich war dabei, das Arzt-Programm im Laptop herunter zu fahren, als es heftig klopfte. Herr S, selbst gelegentlich Patient, vor allem aber hilfreicher Übersetzer für polnische Landsleute, begann mit einer Entschuldigung: „Ich weiß, dass die Sprechstunde schon vorbei ist und sie Betrunkene nur in Notfällen behandeln, aber draußen ist ein volltrunkener Landsmann, der starke Schmerzen in beiden Füßen hat und der dringend Schmerztabletten braucht. Können Sie mir welche geben?“.

 

Die Situation war viel zu unübersichtlich, um es bei der Gabe von Schmerzmitteln zu belassen. Gestützt, fast getragen, von zwei weiteren polnischen Landsleuten, erreichte D die Liege. Er war extrem stark alkoholisiert (von mir geschätzt 3- 4 Promille). Trotzdem schrie er auf, als wir ihm die Schuhe ausgezogen haben. Hintergrund: Neun von zehn Zehen waren komplett schwarzblau verfärbt und somit – wie die Laien sagen – abgestorben. Herr D war also ein echter Notfall. Zur Vorgeschichte konnte er keinerlei Angaben machen. Die Begleiter berichteten, dass er zuckerkrank sei, sich aber seit Monaten nicht mehr um die Behandlung dieser Erkrankung gekümmert habe. Er lebe komplett auf der Straße, habe keine stabilen Kontakte mehr, sei (wahrscheinlich im Entzug) äußerst aggressiv und tagsüber ausschließlich auf der Suche nach Alkohol. Mehrmals betonten sie, dass ihnen das Auftreten und der Zustand ihres Landsmannes sehr peinlich seien. Das mithilfe des Dolmetschers ermittelte Geburtsdatum (Jahrgang 1970) wollte ich zuerst nicht glauben. Ich hätte ihn mindestens 15 Jahre älter geschätzt.


Wir haben die Vorfüße provisorisch verbunden und einen Krankenwagen gerufen. Damit es wegen der unklaren Kostenübernahme für die Fahrt (Herr D ist nicht krankenversichert) nicht noch zu einer weiteren Verzögerung kommt, habe ich schriftlich versichert, dass unser Verein ausnahmsweise dafür die Kosten übernimmt.

 


Zwei Wochen später war der „Dolmetscher“ in anderer Angelegenheit in der Sprechstunde. Meine Nachfrage ergab, dass Herr D umgehend operiert worden sei, er aber schon am übernächsten Tag das Krankenhaus verlassen habe. Er sei ohne Schuhe und mit blutigen Verbänden an den (Rest-) Füßen auf einer Bank in der Nähe der Sternwarte, ca. ein Kilometer vom Krankenhaus entfernt, gesehen worden. Seit einer Woche habe man allerdings nichts mehr von ihm gehört. Meine Fantasie reicht nicht aus, um mir vorzustellen, wie ein frischoperierter Obdachloser ohne zwei Vorfüße im Alltag zurechtkommen könnte. Ich habe nie mehr etwas von Herrn D gehört.

Weitere Meldungen

Stolperschwelle für die Bochum Opfer der NS-Euthanasie

Am 8.06. wird ein Stolperschwelle für die Bochumer Opfer der NS-Euthanasie verlegt. Zu diesen ...

Leitlinien verabschiedet

Der Vorstand hat unter Einbeziehung der ehrenamtlich Tätigen auf der letzten Vorstandssitzung   ...