Herr K - Eine unerwartete Geste

Dr. Werner Mölders hat Begebenheiten aus seinen Sprechstunden festgehalten. Selbstverständlich hat er zum Schutz der Klienten identifizierbare und personenbezogene Merkmale weggelassen oder verändert. Davon bleiben der Kern und die Authentizität der Geschichten aber unberührt!

 

Herr K, polnischer Staatsbürger, damals Mitte 30, hatte zwei schwerwiegende Erkrankungen. Deshalb beinhaltete seine Lebenserwartung nach unserer Einschätzung nicht mehr das Erreichen des 40. Lebensjahres.


Er suchte uns mindestens zweimal im Monat auf.


Kurz vor Weihnachten schenkten die MitarbeiterInnen der Suppenküche jedem Gast eine Weihnachtstüte. Neben den üblichen Süßigkeiten, den Erdnüssen und Äpfeln, enthielt sie zwei Zahnbürsten, zweimal Zahnpasta, einen Deo - Roller sowie eine Handcreme. Lauter Dinge, die, wenn sie der Beschenkte nicht brauchte, einen interessanten Tauschwert hatten. In der letzten dienstags- Sprechstunde vor Weihnachten klopfte Herr K, nahm Platz und antwortete auf die Standardfrage „Wie können wir Ihnen helfen?“: „Heute habe ich kein Problem und keinen Wunsch, heute möchte ich mich dafür bedanken, dass sie immer so freundlich sind und mir seit Jahren helfen“. Mit dem Satz „Das ist für sie beide“, stellte er die noch prallgefüllte Weihnachtstüte auf meinen Schreibtisch. Ich war gleichzeitig überrascht, irritiert und gerührt. Mir war schlagartig klar, dass wir dieses für Herrn K ausgesprochen wertvolle Geschenk nicht ablehnen durften.

 

Noch während ich mich herzlich und ehrlich bedankt habe, kam mir folgende Idee: „Herr K, wir wissen dieses großzügige Geschenk zu schätzen und freuen uns sehr darüber. Aber Sie könnten uns eine Freude machen: Bitte nehmen Sie sich aus der Tüte Dinge, die sie besonders dringend brauchen. Für uns wird dann noch genug übrigbleiben“. Nach kurzem Zögern entnahm er die Handcreme, eine Zahnbürste und eine Tube Zahnpasta. Schwester Karin und ich haben in seiner Anwesenheit den Rest unter uns aufgeteilt und hatten das Gefühl, dass er mit diesem Kompromiss recht zufrieden war. Zumindest verließ er lächelnd das Sprechzimmer. Die Rührung, die diese Geste bei mir ausgelöst hat, hielt für den Rest des Tages an.


Herr K. ist 2022 verstorben.

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